Ansprache zur Palmsonntagsprozession 2001

Liebe Schwestern und Brüder!

Und auch uns ist wieder Segen geschenkt worden durch die Teilnahme an diesem Mahnmal der Leiden und des Sterbens des Herrn.
Gott setzt an allen Anfang seine Geschenke an uns: Das Leben, die ganze Schöpfung und den Segen über die Völker. Und durch die ganze Heilsgeschichte hindurch hat er seinem Bund mit uns Menschen die Treue gehalten.

Diese Prozession des Leidens ist entstanden als Mahnmahl für uns, auch unsere Bundestreue zu halten.

Das wir lebendig sind, das wir ein Dach über dem Kopf haben, das wir satt zu Essen haben, das geliebte Menschen um uns sind, das wir von Gottes Gegenwart gehört haben: das sind keine Selbstverständlichkeiten und schon gar nicht aus unserer Macht geborene Dinge. All dies ist Geschenk des einen Gottes. Ohne Vorbehalt, ohne Leistung, weil wir geliebt werden.

 

Palmsonntag 2001 - Andacht in der Lindenallee
Aber wie gehen wir mit den Geschenken Gottes um?
Mit zunehmender Dreistigkeit erheben wir uns über das Leben, das uns nicht gehört. Mehr und mehr stellen wir das eigene Ich an die erste Stelle, wo diese doch nur dem Schöpfer gebührt. Wann sind wir dankbar für Gesundheit, Essen, Trinken, Liebe, Treue, Familie ?
Die Bilder diese Prozession, denen wir nachgegangen sind und die uns vor Augen stehen, sind Mahnmale. Das Abendmal ist das Fest aller Dankbarkeit; der Herr hat es eingesetzt, damit wir das Geheimnis des Glaubens und das Gedächtnis unserer Erlösung nicht vergessen.
Der Garten Getsemanie hält uns an, mit Gott im Gespräch zu bleiben, einfach zu beten.
Die Verspottung führt uns vor Augen, daß die Würde des Menschen unantastbar ist durch nichts und niemanden auf dieser Welt.
Das Kreuz führt uns Gottes größtes Geschenk vor Augen. Er gibt sich in seinem Sohn als Lösegeld für uns. Einer geht den Weg aller Menschen, stirbt wie ein Mensch und steht als erster Mensch wieder auf, befreit vom Tod. Gibt es ein größeres Geschenk ?
Die Pieta ist uns Trost, wenn das ganze Menschlich über uns hereinbricht: Die Mutter Maria weis, welche Frucht aus dem Tode erwächst - das Leben. Und das Grab stellt uns vor die wichtigste Frage des Menschseins; Wer bin ich, wer hat Interesse an meinem Dasein, warum werden wir geboren und sterben wir, wer gibt all dem einen Sinn.
Laßt uns die heiligen Tage begehen als Feste, die einen Sinn ergeben, die uns Antwort geben und die dankbar sein lassen für die Geschenke der Gnade, die wir in reichem Maße bekommen haben.
Gott der Allmächtige segne uns !
 

Vikar Siegfried Bolle